Die Presse-Interview mit Prof. Arnold und WIFI-Trainerin Susanne Czachs

lernmodell_profarnold_29603_DEUniv.-Prof. Dr. Rolf Arnold ist Professor für Berufs- und Erwachsenenpädagogik an der TU Kaiserslautern und einer der international führenden Experten in diesem Bereich.  Er steht für eine systemisch-konstruktivistische Konzeption von Lernen und Veränderung und begleitet das WIFI wissenschaftlich bei der Entwicklung des neuen Lernmodells.

Weiterbildung: Selbstgesteuert statt »berieselt«

»Es ist eine Illusion, dass gelernt wird, wenn gelehrt wird«, stellt Bildungsexperte Rolf Arnold klar. Von Nikolaus Koller (Die Presse).

Reines Dozieren ist passé, Interaktion ist beim neuen Wifi-Lernkonzept gefragt. „Die Teilnehmer stehen im Mittelpunkt. Sie sind aktiv und arbeiten selbstgesteuert. Als Lehrer kann man Lernprozesse nicht von außen initiieren, daher ist es wichtig, dass die Teilnehmer selbsttätig im Seminar sind“, sagt Susanne Czachs. Die gebürtige Niederösterreicherin arbeitet als Erwachsenenbildnerin für das Wifi. Dort vermittelt sie den Kursteilnehmern vor allem Sprachkenntnisse. Als klassische Lehrerin, die mit ihren Schülern Vokabeln büffelt, sieht sie sich nicht. „Wir als Vortragende bieten den Rahmen und alle Möglichkeiten, doch lernen können die Teilnehmer nur selbst“, ist Czachs überzeugt.

Die junge Frau vermittelt ein neues Bild der Pädagogik, in dem für uniforme Vorträge und Seminarangebote von der Stange kein Platz mehr ist. Maßanfertigung ist angesagt. „Das Seminargeschehen ändert sich, da man nicht mehr davon ausgehen kann, dass man eine Mappe vorbereitet mit Unterlagen und diese über Jahre hinweg immer wieder in der gewohnten Art einsetzt“, betont die Wifi-Trainerin: „Man konzentriert sich verstärkt auf die Bedürfnisse der Teilnehmer und bietet ihnen im vorgegebenen Rahmen Mittel und Möglichkeiten an, um ihre Lernprozesse zu unterstützen.“

Trend »Kompetenzorientierung«

„Kompetenzorientierung“ nennt Rolf Arnold, Professor für Berufs- und Erwachsenenpädagogik an der TU Kaiserslautern, diesen von Czachs beschriebenen Trend. „In der Erwachsenenbildung wird nicht mehr so stark auf den Input, sondern auf den Output Wert gelegt. Entscheidend ist, was bei einem Seminar herauskommt“, so der international renommierte Experte. Arnold hat in Zusammenarbeit mit dem Wifi „Lena“ entwickelt: Mit diesem neuen Lernkonzept soll dem Trend der Kompetenzorientierung Rechnung getragen werden. Czachs ist eine jener Trainer, die das Konzept bereits in ihren Seminaren umsetzt. Damit folgt Arnold auch Ergebnissen aus der Hirn- und Emotionsforschung, wonach es die Entscheidung des Menschen sei, ob er lernen möchte. „Verabschieden wir uns von allen Illusionen, dass, wenn gelehrt wird, auch gelernt wird.“

Die systemische Forschung sage, dass man einem Menschen nichts beibringen könne. „Man kann eine Wohnung, vielleicht sogar eine Ehe, aber sicherlich keinen Inhalt vermitteln“, ist der Bildungsexperte überzeugt. Erzwungen könne gar nichts werden, vielmehr müsse man auf „fruchtbare Momente“ hoffen. In diesen öffne sich der Kursteilnehmer. Die Aufgabe des Trainers sei es, möglichst viele dieser „Zeitfenster“ zu öffnen. Wertschätzung gegenüber dem Seminarteilnehmer, offene Kommunikation und Respekt seien dafür notwendig, ist Arnold überzeugt.

Unterschiedliche Reaktionen

Aber wie nehmen die Kursteilnehmer den neuen Zugang auf? „Je nachdem wie hoch selbstgesteuert und autonom Teilnehmer bereits in Seminaren agieren, sind die Reaktionen unterschiedlich“, berichtet Czachs aus ihrer Unterrichtserfahrung: „Je weniger Erfahrung Teilnehmer bereits gemacht haben, umso ungewohnter ist es für sie.“ Daher sei es wichtig, so die Trainerin, die Kursteilnehmer langsam an die neue Lernmethode hinzuführen.

Wenn sich allerdings Lernerfolge einstellen, stiegen auch bei den Teilnehmern die Motivation und somit das Interesse für „selbstgesteuertes Lernen“.

Dieser Zugang sei vor allem bei jenen Teilnehmern notwendig, die sich „im Seminar berieseln lassen wollen“, so Czachs. Durch ein langsames Hinführen und mehr Selbstvertrauen wird die Akzeptanz höher, aber natürlich kommen oftmals Teilnehmer, welche erwarten, dass sie im Seminar sitzen und sich „berieseln“ lassen können. So habe ihr eine Teilnehmerin einmal in einer Kurspause gesagt, dass sie den Zugang sehr schätze, aber „manchmal würde ich mir wünschen, dass wir einfach nur dasitzen und uns berieseln lassen können. Es ist schon sehr anstrengend, immer selbst etwas tun zu müssen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2010)