Grafik für -Loslassen: Wie du dich von alten Plänen löst
Psychologie

Loslassen: Wie du dich von alten Plänen löst

Ausdauer und Beharrlichkeit helfen uns an Zielen festzuhalten. Doch nicht immer ist das Weiterstapfen die beste Option. Manchmal ist es besser kurz stehen zubleiben und sich zu fragen fragen ob wir überhaupt noch am richtigen Weg sind. 
 
Mit 29 war Heidemarie sicher, wohin ihr Weg führen sollte: Teamleitung im Marketing, spätestens mit 32. Sie arbeitete in einer Werbe-Agentur, übernahm freiwillig Extra-Projekte, blieb abends länger, verzichtete auf eine romantische Beziehung.

Sie sammelte lieber Zertifikate und meistens war sie auch am Wochenende am Schreibtisch. Freiwillig, wie sie betonte. Als jedoch die ersehnte Stelle ausgeschrieben wurde, fiel ihr Plan in sich zusammen: Aus unerklärlichen Gründen bekam sie den Job nicht, stattdessen ging er an einen Kollegen von außen. F

Persönlichkeit entwickeln

Alle Kurse
Für Heidemarie brach eine Welt zusammen. Eine Welt, auf die sie jahrelang hingearbeitet hatte. Monate später nahm sie, eher widerwillig, die Vertretung für eine Kollegin im Bereich Strategie an. Kein Karriereziel, kein Plan. Aber ausgerechnet dort merkte sie, dass ihr analytisches Denken mehr gefragt war als ihre Präsentationsstärke. Heute arbeitet sie als Strategin in einem Tech-Unternehmen, verdient mehr, arbeitet fokussierter und sagt selbst: Hätte sie an ihrem ursprünglichen Ziel festgehalten, wäre sie nie dort gelandet.

Aufgeben ist das Ziel

Heidemaries Geschichte ist kein Einzelfall. Sie zeigt: Nicht jedes Ziel verfehlen wir, weil wir uns zu wenig anstrengen. Manche scheitern, weil etwas anderes, das Leben dazwischen kommt oder sie uns längst nicht mehr entsprechen.
Es lohnt sich also immer wieder kurz anzuhalten und sich zu fragen, wann das Loslassen vielleicht gar kein Aufgeben ist, sondern ein kluger Schritt nach vorne. Denn Ziele verlieren ihren Wert, wenn sie nur noch aus Gewohnheit verfolgt werden. Aus Angst vor Statusverlust oder weil sie vor sieben Jahren noch richtig erschienen. 

Der Irrtum der verlorenen Kosten

Warum fällt es uns derart schwer das Handtuch zu werfen?  Je wichtiger ein Ziel für unser Selbstbild ist, desto schwieriger wird es sich davon zu lösen.
Umso mehr Zeit, Kraft und Geld wir bereits in ein Projekt gesteckt haben, desto weniger können wir davon lassen. Dieses Phänomen wird sunk cost fallacy genannt, der Irrtum der verlorenen Kosten. Diese verursachen beißenden Trennungsschmerz und die naive Hoffnung, es doch noch weiterprobieren zu sollen.
Aber auch das Hin- und Herschwanken ist nicht gerade förderlich, wenn es um klare Entscheidungen geht. Denn eigentlich will man ja schon den Schlussstrich ziehen, aber immer wieder tauchen Hoffnungsschimmer auf, die verunsichern.
Verdammt, es muss doch irgendwie zu schaffen sein, denkt man sich. Und da ist sie wieder die Zuversicht, die bindet. Das Potenzial, das den realistischen Blick verstellt.

Persönlichkeit entwickeln

Alle Kurse

Ziele altern, Menschen entwickeln sich weiter

Wo wir auch immer gerade stehen in der Entscheidungsfindung, es hilft, wenn wir uns klar machen: Ziele sind Werkzeuge, keine Identität. Etwas, das du verfolgst, nicht etwas das du bist
  • Wenn ein Vorhaben nicht mehr passt, heißt das nicht, dass du falsch bist, sondern dass sich deine Perspektive geändert hat. 
  • Ein Ziel darf gehen, wenn es nur noch Druck erzeugt - und du es vor allem aus Gewohnheit verfolgst. Nimm dabei auch den Widerstand ernst. Er ist kein Feind, er ist Information. Wenn dein Körper müde wird, dein Interesse schwindet und du innerlich ausweichst, sagt das oft mehr als die berühmte Pro und Contra-Liste. 
  • Lass Trauer zu. Ja, du darfst melancholisch und wütend sein, dass es nicht so gelaufen ist wie du es dir gewünscht hast. Trauer ist kein Zeichen von Schwäche sondern von Bedeutung und völlig legitim. Du hast Zeit investiert und dir Anerkennung gewünscht. Vielleicht fühlst du dich erstmal leer. Das ist unangenehm, aber ein Zeichen, dass sich dein Kopf - und vielleicht auch dein Nervensystem - neu ordnet. 

Nach innen statt nach oben wachsen

Und damit sind wir in der Königsdisziplin des Loslassens angelangt: 
  • Definiere deinen Erfolg neu. Vielleicht ist dir nach Jahren in denen du dich fast verheizt hast, innere Ruhe statt Aufstieg wichtiger. Sinn statt Status, Stimmigkeit statt Ehrgeiz. Manchmal wächst man nicht nach oben, sondern nach innen. 
  • Lass ruhig ein bisschen Raum bevor Neues entsteht. Genau in diesem Leerlauf entstehen oft die ehrlicheren Wünsche, als man je geplant hätte. Erlaube dir unfertig zu sein. Manche Phase sind zum Erkunden da, nicht zum Optimieren. 
  • In diesem Sinne genieß die Pause, das Stehenbleiben - und vielleicht auch das nächste Level. Jetzt oder nie. Gönn' dir!

6 Anpack-Tipps zum Ziel-Loslassen

  1. Dritte-Person-Perspektive 
    Stell dir vor du fliegst wie ein Vogerl weg von dir und betrachtest dich. Was siehst du? Formuliere nicht „Ich möchte Ärztin werden“ sondern „Sie möchte Ärztin werden“ das schafft Abstand. Vielleicht kommt dann auch: "Weil die Eltern und Großeltern es auch schon waren". 
  2. Verborgene Ziele 
    Hinterfrage die konkreten Ziele. Was ist das wirkliche Motiv deiner Träume? Geht es darum anderen Menschen zu helfen, um Status oder deinen Eltern gerecht zu werden?
  3. Blick auf die Nachteile 
    Mach dir schonungslos bewusst, warum du im Job unglücklich bist und warum sich das auch in Zukunft nicht so schnell ändern wird. Das entlastet und hilft die Realität anzuerkennen.
  4. Alternativen suchen
    Hör dich um, was es sonst noch gibt und was die Vorteile wären. Es gibt nicht nur etwas zu verlieren, sondern auch zu gewinnen. Je mehr Alternativen es gibt, desto leichter fällt es sich von einem Ziel zu lösen.
  5. Klarer Schnitt
    Zeichne einen Schlussstrich. Das Gras ist grüner, wenn man es permanent gießt. Wenn du die Aufmerksamkeit abziehst, wird auch wieder Energie frei und die Bedeutung abgeschwächt.
  6. Erstmal aufschieben
    Wer sich nicht vom Ziel trennen kann, der kann es aufschieben. Du hast dich dann zwar nicht befreit, aber der Druck ist erstmal raus. Die Psychologin Cathleen Kappe vergleicht die sogennanten frozen goals mit einem alten Möbelstück, von dem wir uns nicht trennen wollen. Dann wird es erstmal in den Keller geschoben. Dort merkt man: Es fehlt gar nicht so sehr.